Hellwache Tage

23.07.2016


Heute um 7.00 Uhr steige ich im kleinen Dorf ins Postauto.
Auf der zwanzigminütigen Fahrt gleiten auf einem Monitor die aktuellen Kurzmeldungen aus Politik, Kultur und Sport vorbei.
Eine lese ich genau:
Werner Lutz, ein in Basel lebender Lyriker, ist gestorben.
Ein Stiller, ein nicht Bekannter sei er gewesen - ein Lyriker der wenigen Worte.

Als ich am Mittag zwei befreundeten Frauen von ihm erzähle, hat keine der beiden seinen Namen gekannt...






Es kostet hellwache Tage
und schlaflose Nächte
um heraus zu finden
was ins Helle gehört
und was im Dunkeln
bleiben muss

Werner Lutz, Schweizer Lyriker, 25.10. 1930 - 17.7.2016
aus 'Hellwache Nächte', Gedichte, 2013


Und noch eines, ein ganz kurzes:

Bezaubernd der Tag
der keinen Kalender kennt

aus 'Kussnester', Gedichte, 3.Aufl. 2011


Sommernotvorrat

21.07.2016


Unter den Blogentwürfen, die ich notvorratmässig angelegt habe für Zeiten, in denen mir partout nichts einfallen will, habe ich zwei Bilder eines Stadttaubenpärchens gefunden:





PS. Und das Gedicht fand ich bei Quer - ich sage einfach: Bitte sehr:


Es sprach Frau Taube zum Gemahl:
„Verzieh ich dir nicht jedes Mal
die schlimmsten deiner Eskapaden?
Doch diese musst du selbst ausbaden!“

„Recht hast du, Süsse“, sprach ihr Mann.
„Sieh doch, ich tu ja, was ich kann.“
Gab sich betont zerknirscht zum Scheine,
so wie sie’s liebte, seine Kleine.




Wanderweg für alle!

20.07.2016


Am Anfang des Wanderweges stand ein grosses, unübersehbares Fahrverbot.
Schnell war ein Bild davon geknipst.
Dann überfiel mich eine dieser Eingebungen, und ich sagte zu Hausmann Hanna: 
"Es nimmt mich Wunder, wie lange es dauert, bis wir vom ersten Fahrrad überholt werden."



Es dauerte nicht einmal zwei Minuten...


Ein Paar fuhr auf E-Bikes vorbei.
Erst musste es jedoch absteigen.
"Haben Sie die Tafel da vorne nicht bemerkt? Das hier ist ein Wanderweg!"
Die beiden, sie waren aus dem Südbadischen, hatten tatsächlich das Verbot übersehen, wie sie glaubhaft versicherten.
Gut gelaunt wünschten wir uns gegenseitig einen schönen Tag. Ich konnte es mir nicht verkneifen und wünschte dazu noch eine gute Fahrt.
Dann knipste ich ein Bild hinterher. Das musste einfach sein... ;)

PS. Ausser von zwei jungen Frauen (die ihre Räder jedoch schoben) wurden wir von keinen weiteren Radfahrern mehr überholt. 
PPS. Und auch nicht von Pferden...;)

Sommer mit dem genau richtigen Mass

17.07.2016


Dieses Sommerwetter gestern!
Nicht zu kühl aber auch nicht zu heiss.
Nicht zu viel Sonne aber auch nicht zu wenig.
Für mich genau richtig.
Die Schweden haben ein Wort für dieses subjektive Bedürfnis oder Gefühl  des 'genau richtig':

LAGOM!

Es gehört zu meinen Lieblingswörtern...



Und am Wegesrand lächelte dieser Buddha...


PS. Die Wanderung war übrigens nicht zu kurz aber auch nicht zu lang.
PPS. Wir waren ohne Eile unterwegs aber auch nicht als lahme Socken. 
PPPS. Lagom eben...;)
PPPPS. Meine erste Erfahrung mit 'lagom'. Hier

Zwischen zwei Haltestellen (88)

15.07.2016


Passenger.
Mitfahrende. Mitfahrender.
Unterwegs zwischen zwei Haltestellen.
Das Lied passt zu den letzten beiden Beiträgen
und rundet sie ab.

Zwischen zwei Haltestellen (87)

14.07.2016


Vorgestern auf der Fahrt zurück in die Stadt.
Der Schnellzug ist spärlich besetzt. Ich habe ein Abteil für mich allein.
Die Zugbegleiterin erscheint kurz nach Abfahrt des Zuges für eine Billettkontrolle.
Ich zeige mein Abonnement.
Die Frau im Abteil nebenan hat eine Mehrfahrtenkarte in der Hand und stösst mit zitternder, aufgeregter Stimme hervor: "Die habe ich vorhin am Automaten gekauft und dabei vergessen, die Fahrt abzustempeln."
Sie beginnt zu weinen.
Die Kondukteurin, eine gestandene und erfahrene Frau, glaubt ihr und entgegnet ruhig und sachlich: "Das macht für Sie 10 Franken. Eigentlich wären es ja 90 Franken!"
Nun zieht die Frau eine Zehnernote aus ihrem Geldbeutel und schluchzt: "Immer passieren mir so blöde Dinge!"
Mit dem genau richtigen Mass an Empathie antwortet die Kondukteurin: "Nehmen Sie das nicht so schwer. Das ist kein Unglück und kann allen passieren!"
Als ob dieser Satz die Schleuse noch ganz geöffnet hätte, beginnt die Frau nun haltlos zu weinen.
"Brauchen Sie ein Taschentuch?"
Als die Frau nickt, streckt ihr die Kondukteurin ein Papiertaschentuch hin.
Dann geht sie weiter.
Kurz vor Basel kommt sie nochmals vorbei.
Sie schaut die Frau, die sich in der Zwischenzeit wieder gesammelt hat, kurz an und nickt ihr aufmunternd zu.
Diese lächelt zurück.









Zwischen zwei Haltestellen (86)

12.07.2016


Heute morgen fahre ich mit dem Postauto ins nächste grosse Dorf, wo ich den Schnellzug zurück in die Stadt nehmen kann.
Die Menschen, die zur Arbeit müssen, haben bereits einen früheren Kurs genommen.
Um 9.00 Uhr hingegen sind Hausfrauen wie ich unterwegs und Pensionierte, die länger schlafen können.
Im Nachbardorf steigen zwei Frauen ein.
Die eine Frau setzt sich neben mich, die andere ihr gegenüber. So können sie ihr Gespräch in direktem Kontakt weiterführen.
Ich höre still zu.
"Er hat im Garten noch die Tomaten hochgebunden. Dann ist er einfach umgefallen. Das war's. Für ihn schön."
Ich weiss nicht, ob die Frau neben mir von ihrem alten Vater erzählt oder von einem Nachbarn, der so plötzlich bei der Gartenarbeit gestorben ist.
Mich berührt diese Geschichte.
Wie sie ganz offensichtlich auch die andere Frau berührt.
Sie gibt ihrer Anteilnahme Ausdruck und sagt ein ums andere Mal in diesem breiten Dialekt der Landbevölkerung: "Jä, jä, gäll! Jä, jä, genau, jä!"




Kurz vor der Endstation dann eine freundliche Frauenstimme ab Band: "Bahnhof! Wir danken Ihnen, dass Sie mit Postauto gefahren sind."